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Chronik der Gemeinde Reckendorf

Wappen von Reckendorf

Im Januar 2005 war es endlich soweit: die Gemeinde Reckendorf konnte den 2.000sten Einwohner herzlich willkommen heißen. Zu dieser fränkischen Ortschaft gehören neben der Ziegelei, ein Betrieb mit über 165-jähriger Tradition, seit 1. Juli 1971 die Ortsteile Laimbach, Ober- und Untermanndorf sowie der Zeitzenhof, – malerisch im Baunachtal gelegen – insgesamt auf 1308 Hektar ausgedehnt.

 

Am nördlichen Ortsausgang – mit direktem Anschluss an die B 279 – erstreckt sich nach der Neuerschließung im Jahre 2004 eine Gewerbefläche von 40.000 qm, von denen noch 10.000 qm Industriegebiet fortschrittlich orientierten Firmen zur Erwerbung frei stehen.

 

Eine Ersterwähnung lässt sich für das Jahr 855 nachweisen, wobei jedoch die Originalurkunde als verschollen gelten darf. Mitte des 9. Jahrhunderts stiftete ein gewisser Recko für das Seelenheil seiner Mutter und seiner eigenen Person dem heiligen Dionysius und somit dem Kloster Fulda neben zwei Anwesen in dem Orte Urdorf (Euerdorf/ Ufr.) auch "villa Reckendorf", das Dorf, das seinen Namen trägt (Quelle: Codex Eberhardi, ca. 1160).

 

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Ortschaft zu einem Ganerbendorf, d.h. mehrere Herrschaften waren Mitbesitzer der Hofanlagen. Teile der Ortschaft gehörten 1303 dem Bistum Würzburg, die Grafen von Truhendingen verkauften Ende des 14. Jahrhunderts ihren Anteil an das Hochstift Bamberg, ungefähr in derselben Epoche erscheinen in den Geschichtsbüchern die Rittergeschlechter derer von Lichtenstein (1305) und von Schöffstal (1349-1544) sowie die Immunität St. Stephan, Bamberg als Besitzer. Auch die Freiherren von Rotenhan zu Rentweinsdorf hatten hier den Zehnt inne und bis ins späte 19. Jahrhundert einige Besitzungen (z.B. Gasthaus Schwarzer Adler). Während der folgenden Jahre wechselten die Namen der Adelsgeschlechter, welche auf dem Schlossgut saßen und die zugehörige Schlossbrauerei verpachteten stetig: von der Familie von Wiesenthau, von Modersbach, Lechner von Lechfeld sowie denen von Guttenberg und von Greiffenclau bis zu den Baronen von Hirsch auf Gereuth.

 

Das Bistum Bamberg hatte jedoch fortwährend bis zur Säkularisation 1803 als Territorialherr ständig einen großen Teil der Gemeindebesitzungen inne. Die kirchliche Gewalt lag stets bei der Pfarrei Baunach, und somit bei der Diözese Würzburg. – Die Frühmessstiftung ist seit dem Jahre 1461 überliefert. Eigenständige Pfarrei wurde die Gemeinde St. Nikolaus erst im Jahre 1915. Der Chorturm lässt sich jedoch bis Ende des 13. Jahrhunderts zurückdatieren.

 

Auch nachdem die Bistümer und die Freie Reichsritterschaft ihre Ländereien an das Königreich Bayern abgeben mussten, blieb Reckendorf ein Spielball der Regierenden. Als im Juli 1972 der Altlandkreis Ebern aufgehoben wurde, verlegte man die Bezirksgrenzen nach Norden, und Reckendorf wechselte von Unter- nach Oberfranken.

Weit über die regionalen Grenzen hinaus – vor allem in Amerika – ist Reckendorf durch seine zahlreichen Auswandererfamilien, meist jüdischen Glaubens, bekannt. [Der Anteil der jüdischen Bevölkerung lag im 19. Jahrhundert teilweise bei 40 %; es gab 200 Anwesen, davon 7 protestantische]. So kann man z.B. im Haas-Lilienthal-House, San Francisco, dem dortigen Stadtmuseum lesen, das der Stifter, Wolf (William) Haas, einer der berühmtesten Geschäftsmänner dieser Californischen Metropole, in Reckendorf geboren ist.

 

Die Bankiers Isaias Hellman – Mitbegründer der Wells-Fargo-Bank Californien – und sein Großcousin Hermann Hellmann – Gründer der Hellmann Bank in Bamberg, im Laufe der Jahre aufgegangen in der Bayerischen Hypo-Vereinsbank – erblickten Mitte des 19. Jahrhunderts in diesem kleinen Fachwerkort das Licht der Welt.

 

Auch der Vizepräsident des ersten Jüdischen Tempels Emanu-El in New York, Moses Schloss, hatte seine Wiege hier in Reckendorf, ebenso wie der Großvater vom späteren Stadtplaner des „Big Apple“ – Robert Moses.

 

Eine weitere, nach Amerika ausgewanderte Familie kennt hier jedes Kind, jedenfalls diejenigen, die bis 1974 in den Kindergarten gingen, in die sog. Nathan-&-Rosa-Walther’sche Kinderheimstiftung, bis 1986 in der Bahnhofstraße 18 gelegen. 1905 schenkte Emanuel Walter, ein in New York und San Francisco sehr erfolgreicher Geschäftsmann, kurz vor seinem Tod das Anwesen seiner Eltern der Gemeinde Reckendorf, um in diesem Gebäude für Kinder – aller Religionen (!) – ein Heim zu schaffen, während die Eltern auf dem Feld arbeiteten.

 

In Reckendorf lassen sich jüdische Familien bis in die frühe Neuzeit nachweisen. Ein stetiges Anwachsen ist jedoch erst nach den Wirren des Markgräfler- und 30jährigen Krieges zu erkennen, als die Bevölkerung derart dezimiert war, dass man jüdischen Familien erlaubte, sich hier – sowohl auf hochstiftlichem als auch auf reichsritterschaftlichem Territorium – niederzulassen. Die erforderliche 10-Zahl der männlichen Gläubigen war um das Jahr 1660 bereits erreicht, als man an die Erbauung einer ersten „Judenschul“ heranging.

 

Die heute noch stehende Synagoge – das jüngst nach den Richtlinien des Landesamtes für Denkmalpflege renovierte „Haus der Kultur – Ehemalige Synagoge“ wurde in der Zeit von 1727-38 erbaut. Reste der ursprünglichen Bima konnten bei den Restaurierungsarbeiten entdeckt werden und geben ein – in Oberfranken einzigartiges – steinernes Zeugnis der Barockzeit.

 

Im Dachboden zwischen den Gewölbekappen ebenfalls sicher gestellte Genisa-Reste – verschlissene Jüdische Kultusgegenstände, die nicht vernichtet werden durften – warten nun auf eine wissenschaftliche Auswertung und sollen bei entsprechenden Zuschüssen in der ehemaligen Frauenloge ausgestellt werden.

Die einstige Anwesenheit der Jüdischen Mitbürger ist im Ortsbild von Reckendorf noch heute präsent. So kann man die typischen „Judenhäuser“ an ihren Halbwalmdächern ablesen. Neben der Synagoge hat sich auch noch die Mikwe (von 1821), die Judenschule (1835), der „Judenschulgarten“ mit Lehrerhäuschen und der Judenfriedhof (Ende 18. Jh.) erhalten.

 

Ein ehemaliges „Judenschlachthaus“ (alle jüdischen Familien besaßen in Reckendorf das Recht des „Schächtens“) ist im Kern noch erhalten, jedoch modernen Wohnzwecken angepasst. Viele Viehhändler errichteten im 18./ 19. Jahrhundert für ihre Rinder große Ställe. Große Schaufensterfronten erinnern an die Blüte des Ortes, als in den Jahren 1838/39 eine moderne Verbindungsstraße von Bamberg nach Meiningen gebaut wurde und somit die mittelalterliche West-Ost Achse über Untermanndorf nach Ebern nun von Süd nach Nord führte. Die einst von einer Stadt, von einem Markt zum anderen ziehenden Handelsjuden nutzten die Gelegenheit und richteten an der Hauptstraße Läden ein. Ihre angepriesenen Waren schienen derart qualitätvoll gewesen zu sein, dass die Kunden eigens nach Reckendorf kamen.

 

Zahlreiche Brauereien und Gasthäuser – darunter auch ein jüdisches – konnten diesen Händlern Unterkunft und Verpflegung bieten – und diese Gastfreundlichkeit in den Biergärten, Wirtschaften und Braugaststätten, Weinstuben und Bistros, ist auch noch heute eine Tugend der Reckendorfer, die es als beliebtes Ausflugsziel hervorhebt.

 

Landschaftlich malerisch eingebunden in die Wiesenlandschaft des Baunachgrundes stellt die am nordwestlichen Rande des Landkreises Bamberg liegende Ortschaft bei Wanderern und Radlern schon lange keinen Geheimtipp mehr dar. Die Zugfahrt in den Panoramatriebwägen der Regionalverbindung der Deutschen Bahn AG Bamberg–Ebern stellt durch die Auen des Baunachflusses ein Erlebnis dar. Vom Knotenpunkt der A 70/ B 170 Breitengüßbach Mitte erreichen Sie die Ortschaft auf der B 279 in 10 Minuten.

 

Auch die Reckendorfer Bürger selbst haben sich im Laufe der Jahre eine hohe Lebensqualität geschaffen. Durch das neue Baugebiet im Osten entwickelte sich Reckendorf in der Wohnfläche zu seiner doppelten Größe. So spricht man auch von dem „Altdorf“ und der „Siedlung“, die sich jedoch harmonisch in die Naturlandschaft eingliedert. Im Zuge der Städtebauförderung und einer eigenen Förderung der historisch bedeutenden Häuserfassaden und Gartenanlagen konnte Reckendorf seinen typisch fränkischen Charakter bewahren und malerisch aufwerten.

 

Eine voll erschlossene Infrastruktur sowohl im Bildungs- als auch im Medizinalwesen, bietet dem Bürger alle Annehmlichkeiten unserer heutigen Zeit. Dass die Geselligkeit bei den Festen und Feiern der fast 30 Vereine nicht zu kurz kommt, liegt auf der Hand. Einen Höhepunkt bilden die vom Ortskulturring organisierten, vielseitigen Veranstaltungen zur Kirchweih, am ersten Wochenende im September. Die Altweibermühle – ein Faschingsumzug mit Jungbrunnen der „alten Reckendorfer Hexen“ findet alle 10 Jahre statt, und konnte letztmals am 6. Februar 2005 knapp 10.000 Zuschauer begeistern.


Text und Zusammenstellung: Adelheid Waschka, M.A., Archivarin & Kunsthistorikerin, Hallstadt

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